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aus: „FU-Nachrichten“ (Zeitung der Freien Universität Berlin), Nr. 5 / 2001, S.6.. Kommentar des VDSt zu diesem Artikel
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dieser Wissenschaft. Und das ist eine lange Liebesgeschichte, denn Professor Dr. Dr. h.c. Hanfried Lenz ist bereits seit 17 Jahren emeritiert und feiert Mitte Mai seinen 85. Geburtstag. Für ihn jedoch kein Grund die Mathematik den Jüngeren zu überlassen. Wer sieht, wie lebendig der gebürtige Bayer mit den Studierenden im Seminar kommuniziert und auch gelegentlich unorthodox vom Skript abweicht, merkt, dass dafür auch kein Anlass besteht. Manch ein Dozent, der ein halbes Jahrhundert weniger auf dem Buckel hat, könnte sich von seiner Agilität eine Scheibe abschneiden. Nach dem Grund für seine geistige Vitalität gefragt, hat er eine einfache Antwort: „Hab‘ halt Schwein gehabt.“ Auch die Studierenden staunen über Lenz, der ja eigentlich ihr Urgroßvater sein könnte. „Er ist wirklich unglaublich fit“, sagt einer. Ein anderer staunt, als er hört wie alt der rüstige Professor ist, meint aber auch, dass man manchmal verdammt aufpassen muss bei ihm: „Bei den Variablen sagt er „a“, schreibt „b“ und meint „c“.“ Doch Schusseligkeit muss bei einem Mathematiker ja nicht am Alter liegen. Kein Showmaster, aber mit eigenem Charme ausgestattet Auch einer seiner Kollegen gibt zu, dass Lenz kein systematisch vorgehender Mensch ist, rühmt aber gleichzeitig den Mathematiker, dem in Bezug auf sein Fachwissen keiner an der FU das Wasser reichen könne. Eine seltene Spezies noch dazu, ein Original, wie es sie im heutigen Wissenschaftsbetrieb kaum noch gibt. Kein Showmaster, aber doch mit einem eigenen Charme ausgestattet, der bei den Studierenden ankommt. Das war nicht immer so. Kurz nachdem Lenz 1969 an die FU kam, wurde er zu einem bevorzugten Hassobjekt der Studierenden, nicht zuletzt, weil er in dieser stürmischen Zeit das Amt des Fachbereichratsvorsitzenden – sprich des Dekans – übernahm. Lenz schildert noch heute sehr lebendig die Situationen, in denen er sich fast mit den Studierenden geprügelt hätte, als sie ihm einmal den Weg aus einer Sitzung versperrten. Zu Handgreiflichkeiten ist es nie gekommen: „Ich hätte dann wohl auch den Kürzeren gezogen“, räumt Lenz ein. Man traut es diesem distinguierten älteren Herrn mit den flinken Augen kaum zu, den rabiaten Weg überhaupt in Erwägung gezogen zu haben. „Streitbar, aber immer Humanist“, sagt auch sein Kollege Professor Martin Aigner, der Lenz seit 27 Jahren kennt. „Obwohl er ein Bayer ist, hat er ein enorm hohes Maß an dem, was man preußische Disziplin nennt.“ Bis heute hat Aigner nicht vergessen, wie weit diese Pflichterfüllung gehen konnte: In Zeiten, als Gruppen von Studierenden „AnoL“ – Analysis ohne Lenz – forderten, wurde ein Lenz-Seminar mithilfe einer Stinkbombe gesprengt. Doch Lenz ging nicht etwa nach Hause, wie es jeder andere getan hätte. Stattdessen begab er sich in sein Büro, um noch bis zum Abend über seinen Unterlagen zu brüten. Lenz blieb, doch der Rest des Instituts machte sich auf und davon: Unerträglich war der Gestank nach faulen Eiern, der aus seinem Büro quoll. Der „rote Hanfried” wird stockkonservativ Dabei hatte alles anders begonnen, denn als Lenz von der
Universität München kam, hieß er noch „der rote Hanfried“
und galt bei den Studierenden als progressiv. Doch der Hass, der ihm entgegenschlug
als er sich weigerte die hohen akademischen Standards preiszugeben, bewirkte
ein Umdenken. „Bei mir haben die revoltierenden Studierenden mit
ihrer Gewalt nichts erreicht, außer dass sie mich von einem fortschrittlichen
zu einem stockkonservativen Mann gemacht haben.“ Lenz differenziert
genau nach Zielen und Mitteln der Studentenbewegung der 60er und 70er
Jahre: Bis heute achtet er die Reformanstöße, die von dem Protest
ausgingen, die Gewalt der Revolte war ihm immer verhasst. Er bezeichnet
seine Position als die eines „Staatsbürgers“: Ein Staatsbürger,
der kein Blatt vor den Mund nimmt: Regelmäßig meldete sich
Lenz mit Leserbriefen zu allen möglichen Themen in der Süddeutschen
Zeitung, dem Tagesspiegel und auch dem alten „FU-Info“ zu Wort.
Ein politisches Amt strebte Lenz dennoch nie an und hat dafür auch
eine ganz klare, wenn auch verblüffende Erklärung: „Wissen
Sie, in meiner Jugend war ich ein Nazi. Und ich glaube, dass es sich für
einen solchen nicht gehört, ein politisches Amt zu übernehmen.“
Wohlgemerkt: Lenz ließ sich nie etwas zu Schulden kommen, doch er
hat es sich bis heute nicht verziehen, in seinen jungen Jahren einer Ideologie
verfallen zu sein, die seinen humanistischen Grundsätzen so zuwiderlief.
„Seine Jugend ist für Lenz fast ein philosophisches Problem
und verfolgt ihn wie eine Rachegöttin“, sagt Aigner, der auch
berichten kann, wie der politisch handelnde Staatsbürger Lenz mit
dem Menschen Lenz in Konflikt kam: Das Menschliche behielt die Oberhand,
als in den siebziger Jahren die rechtskonservative „Notgemeinschaft
für eine Freie Universität“ – deren Mitglied Lenz
war – schwarze Listen von aufrührerischen Studierenden an den
Staatsschutz und die Wirtschaft schickte, und eine betroffene Studentin
einen Prozess gegen diese Diffamierungskampagne anstrengen wollte. Am
Fachbereich wurde für die Prozesskosten Geld gesammelt: Niemand gab
soviel wie das Notgemeinschaftsmitglied Lenz – ganz symptomatisch
für den Vater von vier Kindern und Opa von fünf Enkeln: Unrecht
kann er nicht verkraften. Weiterwurschteln! Auf die Frage was seine weiteren Pläne wären,
gibt Lenz eine kurze wie präzise Antwort: „Weiterwurschteln!“
Vorlesungen und Seminare solange es geht. Er hat nicht umsonst 1981 dafür
gestritten noch einmal für drei Jahre weitermachen zu dürfen.
Man ließ ihn – und seitdem auch alle anderen C4-Professoren
– bis 68 weitermachen. Die Mathematik ist halt sein Leben. Niclas Dewitz
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Unser Kommentar:
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